Mit technologischem Fortschritt zum CO₂-neutralen Fliegen

Die Rolle des Luftverkehrs bewegt weit über die Grenzen unserer Branche hinaus die Gemüter. Fakt ist, der Luftverkehr trägt insgesamt 2,8 Prozent zu den weltweit von Menschen verursachten CO₂-Emissionen bei. Eine Zahl, die sich erst mal nicht hoch anhört, wir aber dennoch in Richtung Null bewegen müssen.

Die Luftverkehrsbranche hat seit Jahrzehnten allein schon aus wirtschaftlichen Gründen ein besonderes Interesse, effizient zu fliegen. Die einfache Gleichung lautet: Weniger Kerosin bedeutet weniger Kosten und damit zugleich weniger CO₂-Emissionen. Aber Kosten allein sind nicht unser Ansporn. Wir setzen alles daran, die Auswirkungen des Fliegens auf die Umwelt weiter zu minimieren – und zwar aus voller Überzeugung. Die gesamte Luftverkehrsbranche transformiert sich, und dies ist notwendig.

Die Luftfahrt und auch wir in der Lufthansa Group arbeiten intensiv am Thema Nachhaltigkeit. Wir werden unsere Anstrengungen aber in Zukunft noch deutlich intensivieren müssen. Ich bin stolz darauf, dass wir dabei vorangehen, Begeisterung für das Thema bei unseren Kundinnen und Kunden sowie unserer Belegschaft schaffen und dabei helfen, die Welt ein Stück zu verändern.

Es geht daher nicht um die im Zusammenhang mit dem Klimaschutz oft gestellte Frage: »Wie kann das Flugzeug ersetzt werden?« Reisen ist heutzutage kein Luxus mehr, nicht einfach Urlaub oder Vergnügen. Reisen verbindet Familien, Freunde, Kulturen und stärkt Wirtschaftsbeziehungen. Es dient zudem der Völkerverständigung, leistet einen Beitrag zum Frieden und bringt Forschung und Entwicklung voran. Kurz: Es verbindet die Welt. Trotz aller Befürwortung werden Videokonferenzen den persönlichen Austausch zwischen Geschäftspartnern nicht komplett ersetzen können.

Für den europäischen Wirtschaftsstandort ist der Luftverkehr ein strategischer Erfolgsfaktor. Ab Deutschland müssen möglichst schnell die wichtigsten Orte der Welt erreichbar sein, um global agieren zu können. Der schnelle und sichere Versand wertvoller Güter durch professionell agierende Cargo-Airlines ist ein Standortvorteil nicht nur für unser Land, sondern auch für den Wirtschaftsraum Europa.

Stattdessen ist es richtig zu fragen, wie der Luftverkehr seinen bereits sichtbaren Beitrag für mehr Nachhaltigkeit ausbauen kann. Wie können Stakeholder aus allen Bereichen der Gesellschaft diese Transformation sinnvoll mitgestalten? Die Richtschnur ist klar: Das Pariser Abkommen will den weltweiten Temperaturanstieg auf 1,5 Grad begrenzen, und das deutsche Klimaschutzgesetz peilt eine CO₂-Neutralität bis 2045 an.

Die Lufthansa Group gestaltet diesen Weg mit. Auch wenn die Dekarbonisierung für unsere Branche sehr herausfordernd ist, übernehmen wir Verantwortung und tragen unseren Teil bei. Der Schlüssel liegt dabei nicht in der Stigmatisierung des Luftverkehrs, sondern in Forschung und Entwicklung. Mit technischen Innovationen von CO₂-senkenden oder vermeidenden Antriebstechniken und Kraftstoffen können wir die Vorteile des Luftverkehrs nutzen und ihn zugleich nachhaltig gestalten. Innovationen voranzutreiben ist tief in unserer DNA verankert. Unser Engagement geht über das reine Angebot hinaus. Wir steigen tief in Lieferketten ein, um nachhaltige Produkte anbieten zu können. Klimaschutz und Luftverkehr sind kein Widerspruch, sondern gehen Hand in Hand.

Instrumente der Transformation

Für wirksamen Klimaschutz im Luftverkehr ist ein Mix aus verschiedenen Maßnahmen erforderlich: Emissionsarme Flugzeuge und nachhaltige Flugkraftstoffe (sustainable aviation fuels) sind dabei die besonders großen Themen. Weitere wichtige Stichwörter sind Intermodalität, effiziente Flugrouten und eine qualitativ hochwertige Kompensation von CO₂-Emissionen.

Zugleich braucht es ein faires, passendes Regelwerk, das dem weltweiten Wettbewerb Rechnung trägt. Nur so können Emissionen wirklich eingespart werden. Nationale Alleingänge hingegen nützen dem Klima nicht, wenn sie Emissionen nur von einem Land ins andere verlagern (Carbon-Leakage).

Ein wichtiger, aktuell der wichtigste Hebel für weniger CO₂ sind effizientere Flugzeuge, die bis zu 30 Prozent Kerosin einsparen können. Die Flottenerneuerung ist daher ein Eckpfeiler der Nachhaltigkeitsstrategie der Branche. Deshalb müssen wir nahezu ausschließlich auf die modernsten und neuesten Flugzeuge setzen, die nebenbei auch bis zu 50 Prozent leiser bei Start und Landung sind. Weniger effiziente Flugzeuge müssen perspektivisch stillgelegt werden. Die dramatischen Auswirkungen der Coronapandemie beschleunigen diesen Prozess. Allein im vergangenen Jahr hat beispielsweise die Lufthansa Group die sogenannte Ausflottung von 115 Flugzeugen beschlossen. Durch eine konsequente Flottenerneuerung vermeiden wir in den nächsten drei Jahren rund eine Million Tonnen CO₂. ­Modernere und treibstoffeffizientere Flugzeuge gibt es aber nicht umsonst. Airlines weltweit müssen Geld verdienen, um sich diese Flugzeuge auch leisten zu können.

Um Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, können wir aber nicht allein auf neue Flugzeuge setzen, sondern müssen auch mit strategischen und technologischen Partnerschaften arbeiten. Als erste Airline weltweit wird Lufthansa Cargo die sogenannte »Sharkskin«-Technologie in Serie bringen: eine Oberflächenfolie, die Lufthansa Technik und BASF gemeinsam entwickelt haben und die der Haut von Haifischen nachempfunden ist. Lufthansa Cargo wird bis Ende 2022 die gesamte Flotte mit der »AeroShark«-Folie bekleben und so pro Jahr 3.700 Tonnen Kerosin und fast 11.700 Tonnen CO₂ einsparen. Für noch mehr klimafreundliche Entwicklungen gründen wir derzeit den Lufthansa Group CleanTech Hub, welcher die Erforschung und Umsetzung von clean technology-Lösungen vorantreiben wird. Ein Zentrum, das die Themenfelder alternative Treibstoffe, flugzeugbezogene Hardware, digitale Lösungen sowie andere wichtige Nachhaltigkeitsthemen des Konzerns bündelt und beschleunigt.

Kompensationen machen CO2-neutrales Fliegen möglich 

Kommerzielle Lösungen, die Kundinnen und Kunden einbinden, sind ebenfalls weit oben auf der Agenda. Bester Beweis: Auf Initiative des Lufthansa Innovation Hubs wurde die Onlineplattform Compensaid gegründet. Dank Compensaid können Kundinnen und Kunden bereits heute CO₂-neutral reisen, indem sie ihren Flug mit sustainable aviation fuel durchführen. Doch Compensaid bietet auch alternative Möglichkeiten an, um die CO₂-Emissionen eines Fluges zu neutralisieren: durch die Auswahl von hochwertigen Kompensationen in Form von Klimaschutzprojekten mit dem Prüfkriterium Gold Standard oder Plan Vivo. Als Beispiel können hier unter anderem »myclimate«-Projekte wie die Waldaufforstung in Nicaragua oder auch der Bau und Betrieb von Solarparks in der Dominikanischen Republik genannt werden. Die Kundinnen und Kunden können also bereits jetzt aktiv an der CO₂-Reduktion teilnehmen. Die hohe Qualität der Kompensationsangebote ist uns dabei ein besonders wichtiges Anliegen. Seit Kurzem gibt es Compensaid auch für Firmen, die die Plattform unkompliziert für Dienstreisen ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nutzen können. Wie ich finde, eine tolle Lösung, um direkt wirksamen Klimaschutz zu betreiben.

Zudem hat der Luftverkehr ein weltweites CO₂-Kompensationssystem geschaffen. Das »Carbon Offsetting and Reduction Scheme for International Aviation« (CORSIA) läuft seit Anfang 2021 in der Pilotphase. Mit dem System werden die wachstumsbedingten Emissionen im weltweiten Luftverkehr kompensiert. Das mag unser aller Ehrgeiz noch nicht befriedigen. Aber immerhin ist es eine global ausgerichtete Lösung, die in anderen Branchen ihresgleichen sucht.

Einen wichtigen Beitrag für mehr Klimaschutz bietet – Stichwort Intermodalität – die Kombination unterschiedlicher Verkehrsträger. Wo immer möglich und sinnvoll, müssen wir intensiv an einer noch engeren Vernetzung und Kooperation mit den deutschen und anderen europäischen Bahngesellschaften arbeiten. Nur so kann den Kundinnen und Kunden ein nahtloser und bequemer Übergang auf der Reise angeboten werden. Die Frage kann daher nicht »Flugzeug oder Bahn?« heißen. Die Antwort besteht aus der Kombination von Verkehrsträgern und muss den Kundinnen und Kunden einen nahtlosen Reiseverlauf bieten können.

Auch die Lufthansa Group forciert aktiv derartige Angebote und Kooperationen. Das Ziel ist, die Zubringerverkehre zu den Flughafendrehkreuzen ökologisch und ökonomisch sinnvoll zu gestalten. Von diesen Hubs ausgehend können wir den internationalen Langstreckenverkehr besonders effizient bündeln.

Bei alledem zeigt sich eines: Nachhaltigkeit und Klimaschutz sind eine Gemeinschaftsaufgabe mit Partnern aus Industrie, Politik und Wirtschaft. Wir alle tragen eine gemeinsame Verantwortung. Wie wichtig so ein Teamwork ist, zeigt sich insbesondere bei der Herstellung nachhaltiger Kraftstoffe.

Agenda für 2022

  • Gemeinsame Verantwortung und gemeinsames Handeln von Politik, Luftfahrtindustrie sowie Verbraucherinnen und Verbrauchern vorantreiben
  • CO₂-Kompensationsmöglichkeiten für Airline-­Kundinnen und -Kunden weiterentwickeln und als Teil der Flugbuchung anbieten
  • Verfügbarkeit von SAF konsequent ausbauen
  • Investitionen in Innovationen tätigen und Anreiz­systeme schaffen

SAF als wichtiger Transformationstreiber

Wer über die Transformation im Luftverkehr spricht, weiß: An modernen, effizienteren Flugzeugen führt kein Weg vorbei. Das gilt auch für nachhaltige Flugkraftstoffe, die sogenannten sustainable aviation fuels (SAF). Dabei sind prinzipiell zwei Arten der SAF-Erzeugung zu unterscheiden: zum einen die heute gängige Produktion auf Basis biogener Ursprungsprodukte, wie beispielsweise Altöle oder Fette aus der Nahrungsmittelherstellung oder auch die Verwendung von Abfällen. Daneben stehen zukunftsgerichtete Modelle, die sogenannten Power-to-Liquid-Verfahren (PtL). Bei diesen wird mit Strom aus erneuerbaren Energien zunächst Wasserstoff durch eine Elektrolyse erzeugt. Dieser CO₂-neutral hergestellte Wasserstoff, auch grüner Wasserstoff genannt, wird im Folgeprozess mit Kohlenstoffmonoxid synthetisiert, und dabei wird unter anderem Kerosin hergestellt.

Durch PtL hergestellte SAF sind daher zentral für CO₂-neutrales Fliegen, denn selbst im Verfahren zur Herstellung wird nur so viel CO₂ freigesetzt, wie im Herstellungsprozess der Atmosphäre entzogen wird. Technisch gesehen hat demnach ein Flug eines vollständig mit SAF betankten Flugzeugs keinen CO₂-Fußabdruck. Eine echte Zukunftschance.

Als Lufthansa Group sind wir seit zehn Jahren an der ­Erprobung und Forschung zur Produktion von SAF im industriellen Stil beteiligt. In Europa ist die Lufthansa Group gegenwärtig der größten Abnehmer von SAF. Zur Wahrheit gehört aber auch: Die Lufthansa Group könnte mit der zurzeit weltweit verfügbaren Menge von SAF ihre Konzernflotte nur eine Woche lang betreiben.

SAF sind bereits heute mit konventionellem Flugkraftstoff mischbar. Gegenwärtig ist eine Beimischquote von 50 Prozent regulatorisch zugelassen. Diese Quote wird sich in den kommenden Jahren voraussichtlich erhöhen.

Wir und auch die Branche setzen deshalb auf Partnerschaften mit Forschungsinstituten und Start-ups und sind weltweit bereits in zahlreichen SAF-Zukunftsprojekten aktiv. Mit den ersten sichtbaren Erfolgen: Lufthansa Cargo hat im vergangenen November den weltweit ersten CO₂-neutralen Frachtflug nach Shanghai mit unserem Partner DB Schenker durchgeführt. Inzwischen geht es einmal pro Woche CO₂-neutral zur chinesischen Millionenmetropole und wieder zurück nach Frankfurt.

Aber allein kann der Luftverkehr die Herkulesaufgabe Klimaschutz und damit die benötigte Produktion von SAF nicht stemmen. Nur gemeinsam mit starken Partnern aus Politik, Wirtschaft und Forschung schafft die Luftfahrtbranche ihren nächsten großen Innovationssprung. Rahmenbedingungen und Anreizsysteme sind gefragt, die nachhaltige Kraftstoffe skalierbar machen und Investitionen fördern.

Wasserstoff kommt eine tragende Bedeutung in der Transformation der Luftfahrt zu. Sobald die Infrastruktur für »grünen« Wasserstoff zur Verfügung steht und gleichzeitig ein Weg gefunden wird, wie Kohlenstoff­dioxid der Atmosphäre oder auch industriellen Prozessen entzogen werden kann, steht einer globalen industriellen Erzeugung von PtL-Flugkraftstoffen nichts mehr im Wege.

Bleibt die Frage: Warum wird nicht einfach Wasserstoff im großen Stil als Hybridkraftstoff verwendet?

Ein Blick auf den Automobilsektor verrät, dass es hier Wasserstoffantriebstechniken als Ersatz für Verbrennungsmotoren gibt. Konzepte von Unternehmen und Forschungsinstituten, von kleinen Hybridflugtaxis, Elektro-Kleinflugzeugen bis hin zu Flugzeugen mit reinem Wasserstoffantrieb, gibt es bereits. Vor fünf Jahren hob zum Beispiel das erste Flugzeug mit Wasserstoff ab. An Bord eine Brennstoffzelle, die Wasserstoff mit Luftsauerstoff zur Herstellung elektrischer Energie nutzt. Ein wichtiger Fortschritt, auch wenn die Reichweite sowie die zulässige Passagierzahl gering waren.

Flugzeughersteller wie Airbus haben mit ihrer Konzeptreihe »ZEROe« bereits verschiedene Ansätze zur Nutzung dieses Kraftstoffs vorgestellt, unter anderem einen mit Wasserstoff betriebenen »Nurflügler«. Airbus beabsichtigt, bis 2035 das erste Passagierflugzeug mit Wasserstoffantrieb abheben zu lassen, wenn auch zunächst nur auf kurzen Strecken. Für die Langstrecke, bei der deutlich größere Energiemengen benötigt werden, ist Wasserstoff vorerst kein Thema. Forschung und Entwicklung brauchen noch Zeit. Wir befinden uns in Bezug auf Wasserstoff in einer extrem spannenden und wichtigen Forschungsphase, die den Luftverkehr nachhaltig verändern wird.

Wenn Forschung, Politik und Luftverkehr gemeinsam arbeiten, wird der SAF-Anteil auf kommerziellen Flügen weltweit steigen. Eine in Europa für 2025 geplante SAF-Quote wird diese Entwicklung beschleunigen. Dies ist der richtige Schritt in die Zukunft des CO₂-neutralen Fliegens, er muss aber unbedingt wettbewerbsneutral umgesetzt werden. Andernfalls besteht die Gefahr einer Verlagerung von Verkehren und damit CO₂-Emissionen in Drittstaaten außerhalb der EU, die nicht in den EU-Emissionshandel einbezogen sind (Carbon-Leakage).

Agenda für 2025

  • Flottenmodernisierung durch gezielte Anreizsysteme
  • SAF-Quote wettbewerbsneutral gestalten und SAF-­Infrastruktur entwickeln
  • Intermodalität verbessern
  • Investition von Flugzeug- und Triebwerksherstellern in neue Technologien
  • Kreislauffinanzierung zur Förderung der CO₂-Neutralität
  • International verbindliche Lösungen anstreben

Gesetzliche Voraussetzungen für die Transformation

Trotz Innovation, effizienteren Flugzeugen und technischem Fortschritt: Kern aller Luftfahrt-Transformationsanstrengungen für mehr Nachhaltigkeit wird eine moderne europäische Klimapolitik sein, die Zukunftsinnovationen nicht nur gezielt fördert, sondern auch zur Marktreife bringt. SAF hat für die Luftfahrtbranche aktuell das größte Potenzial, da neuartige Antriebe für Flugzeuge noch Zukunftsmusik sind. Vorrangig hierbei und grundsätzlich elementar ist, den rechtlichen Rahmen wettbewerbsneutral zu gestalten. Carbon-Leakage-Effekte müssen erkannt und adressiert werden. Auch gilt es, Kostennachteile für die europäische Industrie zu vermeiden, denn ein Passagier aus Madrid, der nach Bangkok reisen möchte, kann in Frankfurt oder in Istanbul umsteigen. Entsprechend sollte jede europäische Regulierung international faire Wettbewerbsbedingungen anstreben und dafür Sorge tragen, dass innereuropäische Zubringerflüge keine Kostennachteile gegenüber Verbindungen haben, die über Anrainer-Drehkreuze führen.

Ein starkes Instrument, um nachhaltige Innovationen im Luftverkehr zu unterstützen, sind Finanzierungskreisläufe – bezogen sowohl auf nationale als auch europäische Einnahmequellen. So könnte zum Beispiel das Aufkommen der Luftverkehrssteuer zweckgebunden zur SAF-Förderung genutzt werden. Dies würde Deutschlands Vorreiterrolle beim Klimaschutz festigen. Klimaschutz, ob für den Luftverkehr oder andere Industrien, muss eine globale Aufgabe sein. Sie führt nur zum Ziel, wenn nationale Interessenspolitik zugunsten international harmonisierter Lösungen (zum Beispiel CORSIA) das Nachsehen hat. Auch regionale Initiativen, wie ein harmonisierter europäischer Luftraum (Single European Sky), sind zielführend. Gesetzgeber weltweit sind gefragt, gemeinsam mit dem Luftverkehr einen internationalen politischen Rahmen für die verstärkte Nutzung von SAF zu gestalten. Der Staat Kalifornien zum Beispiel verringert den Kaufpreis von SAF für die Airlines direkt, während in Europa der fossile Preis verteuert wird. Mindestens ebenso wichtig sind marktwirtschaftliche Anreize für mehr Innovation. Denn weniger Emissionen müssen belohnt werden.

Gefragt sind politische Entscheidungsträger auch beim Intermodalverkehr. Soll das volle Potenzial ausgeschöpft werden, muss die Politik den Fernverkehr ausbauen, um Bahn und Luftverkehr optimal zu verbinden.

Auch ein harmonisierter Luftraum trägt zum Klimaschutz bei

Gleichzeitig müssen nationale und europäische Flugsicherheitsbehörden effizientere Konzepte für Flugsicherungssysteme umsetzen. Nirgendwo ist dies dringlicher als in Europa. Der Luftraum gleicht einem Flickenteppich aus nationalstaatlichen Zuständigkeiten. Seit vielen Jahren diskutiert die EU darüber, einen harmonisierten Luftraum, den sogenannten Single European Sky (SES), zu schaffen. Ein funktionierender SES wäre ein sehr großer Beitrag. Bis zu zehn Prozent CO₂-Emissionen beziehungsweise 1,8 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr könnten eingespart werden – für ganz Europa. Leider gibt es noch keinen Umsetzungsfahrplan.

Mehr Klimaschutz darf aber nicht den Wettbewerb zulasten deutscher beziehungsweise europäischer Airlines verzerren. Die Politik sollte der Luftfahrtindustrie in Deutschland und Europa deshalb Investitionen in mehr Klimaschutz erleichtern. Ein weiterer Punkt: Luftverkehrsabkommen mit Drittländern oder Regionen außerhalb Europas müssen Klimaschutz größeres Gewicht geben. Nur so erreichen wir internationale Standards und verhindern, dass nur ein Teil der Welt sich dem Klimaschutz verpflichtet.

Die Luftfahrt war immer Zukunftsindustrie. Und sie wird es bleiben. Sie ermöglicht Völkerverständigung und wirtschaftlichen Wohlstand. Ohne Luftfahrt gäbe es keine globalisierte Welt. Aber, und das kann man gar nicht stark genug betonen, bitte so nachhaltig wie nur irgend möglich. Hierfür müssen Luftfahrtindustrie und politische Entscheidungsträger an einem umweltbewussten, innovativen Strang ziehen. Erst dann bringen wir Ökonomie und Ökologie auf einen zukunftsweisenden Nenner.

Agenda für 2030

  • Ambition eines klimaneutralen Betriebs am Boden
  • Nettoreduktion von CO₂-Ausstoß um 50 Prozent
  • SAF in großen Mengen verfügbar und bezahl­bar machen
  • SAF-Quote steigern
  • Anreize für Modernisierung schaffen
  • Förderung von Zukunftsprojekten

Christina Foerster, geb. 1971, ist seit 2002 mit wechselnden Verantwortungen bei der Lufthansa Group tätig, seit 1. Januar 2020 ist sie Mitglied des Vorstandes der Deutschen Lufthansa AG. Als Chief Customer Officer verantwortet sie zusätzlich die Bereiche Nachhaltigkeit und IT. Nachdem sie 2016 als Chief Commercial Officer (CCO) zu Brussels Airlines gewechselt war, übernahm sie 2018 als eine der wenigen Frauen, die global an der Spitze einer Airline stehen, die Position des Chief Executive Officer (CEO). Christina Foerster begann ihre Karriere bei der Boston Consulting Group.